Erinnerung Bewahren

Erinnerung Bewahren

SCHUTZ UND SICHTBARMACHUNG VON MASSENGRÄBERN DES HOLOCAUST IN DER UKRAINE

SCHUTZ UND SICHTBARMACHUNG VON MASSENGRÄBERN DES HOLOCAUST IN DER UKRAINE

Über eine Million jüdische Kinder, Frauen und Männer wurden zwischen 1941 und 1944 während der deutschen Besatzung auf dem Gebiet der heutigen Ukraine bei Massenerschießungen ermordet und in Gruben verscharrt. Das internationale Projekt Erinnerung bewahren hat von 2010 bis Ende 2019 insgesamt 20 vernachlässigte und vergessene Massengräber von Juden und Roma als würdige Gedenk- und Informationsorte gestaltet.

»Holocaust durch Kugeln«

Der »Holocaust durch Kugeln« ist ein noch immer wenig bekanntes Kapitel des Völkermords an den europäischen Juden. Etwa zwei Millionen jüdische Kinder, Frauen und Männer sterben zwischen 1941 und 1945 durch Massenerschießungen deutscher SS-, Polizei- und Militäreinheiten und ihrer Helfer.

Das systematische Morden beginnt mit dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Im antisemitischen und antibolschewistischen Weltbild der Nationalsozialisten gelten Juden als die Träger des sowjetischen Staates.

Eigens aufgestellte Einsatzgruppen erhalten den Befehl, jüdische Männer zu erschießen. Später weiten sie die Morde auf Frauen und Kinder aus. Teilweise kommen dabei auch sogenannte Gaswagen zum Einsatz. In den besetzten sowjetischen Gebieten zwischen Ostsee und Schwarzem Meer fallen diesen Verbrechen nach derzeitigen Schätzungen über 1.900 jüdische Gemeinden zum Opfer. Weitaus größer ist die Zahl der Erschießungsstätten. Nur wenigen Juden gelingt es, von Nichtjuden versteckt zu überleben. Auch Roma, sowjetische Kriegsgefangene und Anstaltsbewohner kommen bei Massenerschießungen ums Leben.

Die Massengräber heute

Schätzungsweise 2.000 Massenerschießungsstätten befinden sich allein auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. In abgelegenen Schluchten und Wäldern, mitten auf Feldern, in ehemaligen Panzergräben oder Sandgruben waren ganze jüdische Gemeinden oft innerhalb weniger Tage ausgelöscht worden. An manchen Mordstätten entstehen bereits zu sowjetischer Zeit Erinnerungszeichen, andere geraten nach dem Krieg in Vergessenheit. Hunderte Massengräber sind bis heute unmarkiert, ungeschützt und verwahrlost. Grabschändungen hinterlassen einen trostlosen Anblick. Viele Flächen befinden sich in landwirtschaftlicher Nutzung.

LAND IM KRIEG
Seit Beginn des Projektes zum Schutz von Massengräbern des Holocaust im Jahr 2010 hat sich die Lage der Ukraine dramatisch verändert. Im Osten tobt ein von Russland aufgezwungener Krieg. Von einer Projektarbeit in diesem Landesteil musste daher abgesehen werden.

Das Projekt

Sechs Jahrzehnte nach dem Ende der deutschen Besatzung beginnt die Organisation Yahad-In Unum unter Leitung des französischen Paters Patrick Desbois in der ehemaligen Sowjetunion mit der geographischen Aufnahme von Massengräbern. Seine vom deutschen Auswärtigen Amt geförderten Dokumentationen fußen insbesondere auf Zeitzeugenbefragungen. Vor dem Hintergrund dieses Projektes stößt das American Jewish Committee Berlin 2010 konkrete Schritte zur Sicherung und  Sichtbarmachung von Massengräbern in der Ukraine an. Fünf Stätten im westlichen Landesteil werden bis 2015 – wiederum aus Mitteln des Auswärtigen Amtes – in würdige Gedenkorte verwandelt. Das Vorhaben unter dem Titel Protecting Memory versteht sich als Pilotprojekt für einen angemessenen Umgang mit Massengräbern des Holocaust. Es wird von pädagogischen Programmen begleitet, die sich an Schulen der Region richten.

Sichtbarmachung der Gräber

Die nachhaltige Wirkung des Pilotprojektes bewegt das Auswärtige Amt im Jahr 2016 dazu, das Vorhaben fortzusetzen. Unter Verantwortung der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas beginnt eine weitere Phase der Sicherung und Sichtbarmachung von Massengräbern, das Projekt Erinnerung bewahren. Die Stiftung gestaltet mit ihren ukrainischen Partnern 15 Gedenkorte, darunter drei für ermordete Roma. Die Grenzen der Gräber werden mit Hilfe non-invasiver Methoden bestimmt, um die jüdischen Religionsvorschriften der Halacha zu berücksichtigen und die Totenruhe zu wahren. Die Flächen und ihre nähere Umgebung erhalten administrativen Schutz durch Übertragung in kommunalen Besitz, Umwidmung des Nutzungszweckes zu einem Gedenkort und eine entsprechende Veränderung im Kataster.

Die gestalterische Planung der Gedenk- und Informationsorte übernehmen ukrainische Architekten Taras Savka und Anastasiia Hulevata aus Lemberg sowie Anton Oliinyk und Iryna Tsyba aus Kiew. Die bauliche Überformung der Orte soll das Ausmaß der Massengräber kenntlich machen, die Ruhestätten aber zugleich vor Öffnung und Schändung schützen.

BODENRADAR
Die Archäologen senden über eine Transmitterantenne elektromagnetische Impulse in den Boden. Eine zweite Antenne nimmt die zurückkommenden Signale auf. Ein Massengrab weist elektromagnetische Unterschiede zur Umgebung auf und ist für ausgewiesene Experten häufig erkennbar. An zwei Orten konnte die Grablage nicht ermittelt werden.

Historische Forschung

Die historische Forschung ist von Anfang an eine tragende Säule des Projektes. Die Auswertung früher Berichte der sowjetischen Sonderkommissionen oder deutscher Gerichtsverfahren tragen dazu bei, die etwaige Lage der Massengräber zu bestimmen, bevor die Bodenuntersuchungen beginnen. Erinnerung bewahren zielt aber jenseits der Sichtbarmachung und des Schutzes der Gräber auch darauf, an die Ermordeten und ihre Lebenswelten zu erinnern sowie über die Verbrechen aufzuklären. Aus diesem Grund werden an allen Gedenkstätten Stelen aufgestellt, die Informationen zu den Opfern, den Tätern und dem Tathergang bieten. Die im Projekt arbeitenden Wissenschaftler leisten dabei Pionierarbeit, denn meist handelt es bei den ausgewählten Orten um kleine Gemeinden, die bisher von der Forschung kaum beachtet wurden. Eine weitere Herausforderung bildete die lückenhafte Quellenlage zu Vernichtungsorten der Roma.

GESCHICHTSPOLITIK

Um eine Formulierung auf den Gedenksteinen wird mit der Gedenkkommission hart gerungen. Es geht um die Nationalitäten der Täter — der deutschen Besatzer und ihrer lokalen Unterstützer. Die Behörde plädiert zunächst dafür, die Herkunft nicht zu nennen und nur von »nazistischen Okkupanten und ihren Helfern« zu sprechen. Schließlich einigt man sich auf die Fassung »deutsche Besatzer und ihnen untergeordnete Dienststellen«.

Pädagogische Arbeit

Die Ergebnisse der historischen Forschung fließen auch in die pädagogische Arbeit mit Schulen der Regionen ein, in denen die Projektorte liegen. Ein Bildungsprogramm soll Lehrer, Schüler und Studenten zur selbständigen Erkundung ihrer lokalen Geschichte anregen und sie als Paten für die neuen Gedenkorte gewinnen. Im Mai 2018 führen Studierende der Universitäten von Shytomyr
und Winnyzja Interviews in den Projektorten durch. Sie möchten erfahren, wie man sich in den Gemeinden des Holocaust individuell und kollektiv erinnert. Unter Anleitung des Projektpartners Ukrainisches Zentrum für Holocaust-Studien werden die Ergebnisse ausgewertet und für die weitere pädagogische und historische Arbeit über das Projekt hinaus aufbereitet.

SCHWINDENDE ÜBERLIEFERUNG

Im Oral-History-Projekt erreichten die Studierenden bei ihren Befra-gungen zwar betagte Zeitzeugen, aber kaum jüngere Menschen, die zu berichten vermochten, wie Lokalgeschichte über mehrere Generationen tradiert wird. Dennoch ist der Holocaust im Kollektivgedächtnis vorhanden — und sei es, dass im Dorf über übernatürliche Phänomene an den Massengräbern berichtet wird. Magische Vorstellungen im Zusammenhang mit Judenverfolgung und Holocaust sind auch im ländlichen Raum in Deutschland anzutreffen.

Einweihungen der Gedenkorte

Das Projekt Erinnerung bewahren gestaltet insgesamt 15 Gedenk- und Informationsorte in zwölf Gemeinden, davon zwölf Gedenkorte für ermordete Juden und drei für ermordete Roma. Im Juni und September 2019 werden
die Gedenkstätten der Öffentlichkeit übergeben.

Nachkommen früher dort lebender jüdischer Familien reisen aus den USA, Israel und Australien an. Die tief bewegenden Zeremonien finden unter reger Anteilnahme der lokalen Gemeinden, einschließlich der Schulen, statt – trotz starker Hitze im Juni, stürmischen Windes und Kälte im September 2019. Wiederholt weisen die Redner an verschiedenen Orten darauf hin, dass die jüdische Geschichte Teil der ukrainischen Nationalgeschichte sei.

DIE AUSSTELLUNG IN BERDYTSCHIW

Berdytschiw in der Zentralukraine ist im 19. Jahrhundert eine multikulturelle Stadt. Um 1900 machen Juden hier etwa 80 Prozent der Bevölkerung aus. Handwerk und Handel blühen. Die Stadt gilt als Zentrum der religiösen Bewegung des Chassidismus. Bedeutend ist auch die polnisch-katholische Bevölkerungsgruppe. Unter deutscher Besatzung werden nach Angaben der sowjetischen Untersuchungskommission etwa 30.000 Juden an verschiedenen Orten in der Stadt und der Umgebung bei Massenerschießungen ermordet. Im Rahmen der jährlichen Holocaust-Gedenkzeremonie wurde am zentralen Gedenkort in Berdytschiw am 16. September 2019 eine Freiluftausstellung eröffnet, die in enger ukrainisch-deutscher Zusammenarbeit entstanden ist. Neben Vertretern der Botschaften Deutschlands, Israels und der USA nahmen zahlreiche Einheimische an der Zeremonie teil. Die Ausstellung besteht aus dreisprachigen Informationstafeln über das jüdische Leben der Stadt, seine Auslöschung und den schwierigen Weg zu einer angemessenen Würdigung der ermordeten Juden.

MYKHAYLO VAINSHELBOIM

Mykhaylo Vainshelboim, geboren 1928, lebt mit seiner Familie in Berdytschiw. Im Sommer 1941 verlieren sie durch das Wehrmachtsbombardement ihre Wohnung und ziehen zu einer Tante in das von den Deutschen eingerichtete Ghetto. Am 15. September 1941 dringen ukrainische Hilfspolizisten dort ein. Die deutschen Besatzer haben die Ermordung des größten Teils der jüdischen Bevölkerung beschlossen. Mykhaylo gelingt es zu fliehen. Die Mutter und drei Geschwister werden zum Flugplatz zur Erschießung gebracht. Die Deutschen verschonen den Vater als Handwerker zunächst. Am 3. November 1941 wird er gemeinsam mit Mykhaylo nach Sokulino getrieben. Auf einem Feld müssen sie sich entkleiden. Sie verabschieden sich. Der 13-Jährige Junge versteckt sich in hohem Gras, kriecht weg und findet schließlich Hilfe bei Nichtjuden, der Familie Savelko. Nach der Befreiung kehrt er nach Berdytschiw zurück.

GALINA SCHULJATYZKA

Galina Schuljatyzka wird 1932 als Tochter des Berdytschiwer Juden Juhim Sendler und seiner christlichen Frau Raissa Schuljatyzka geboren. Die Familie lebt zum Zeitpunkt des deutschen Einmarsches in Weißrussland, wo der Vater eine Fabrik leitet. Er wird in die Rote Armee einberufen, während sich Raissa mit ihren drei Kindern auf die Flucht begibt. Die beiden  jüngeren Geschwister Galinas, Violetta und Heinrich, sterben an Unterversorgung.

Knapp entkommt Galina in Bobruisk einer deutschen Massenerschießung. Im  Dezember 1941 erreichen Raissa und Galina Berdytschiw. Nur  schwer finden sie Menschen, die sie aufnehmen. Sie leben in  ständiger Angst vor Entdeckung. Doch sie überleben. Juhim  Sendler gilt als im Krieg verschollen. Galina absolviert nach dem Krieg das pädagogische Institut in der Stadt und arbeitet in einer Abendschule.

ERINNERUNG AN ERMORDETE ROMA

Auch Roma fallen zwischen 1941 und 1944 Massenerschießungen zum Opfer. Etwa 12.000 Kinder, Frauen, Männer sterben in der deutsch besetzten Ukraine; bislang sind 139 Verbrechensorte dokumentiert. Die mit dem Deutschen Reich verbündete rumänische Führung lässt ihrerseits etwa 25.000 Roma in die unter rumänischer Kontrolle stehenden südukrainischen Gebiete zwischen den Flüssen Dnjestr und dem Südlichen Bug verschleppen.
Die Zahl der Todesopfer beträgt hier über 11.000.

Im Juni 2019 weiht Erinnerung bewahren in der Nähe der nordukrainischen Dörfer Kalyniwka und Diwoschyn zwei Gedenk- und Informationsorte ein, die an die Verbrechen an Roma erinnern. In Iwanopil errichtet das Projekt eine Informationsstele neben einem Grabareal, in das ermordete Roma umgebettet wurden. Die bewegenden Eröffnungsfeiern sind für die gesellschaftlich bedrängten Roma in der Ukraine von großer Bedeutung.

GEWALT GEGEN ROMA HEUTE

Roma in der Ukraine sehen sich heute immer wieder gewalttätigen Attacken ausgesetzt. Es handelt sich meist um Brandanschläge auf improvisierte Wohnsiedlungen, häufig ausgeführt von Vermummten. Im Juni 2018 töten Angehörige einer nationalistischen Gruppe den 24-jährigen Rom Davyd Pap in Lemberg. Hinzu treten, wie auch anderswo in Europa, behördliche Drangsalierungen wie Räumungsbescheide.

GEDENKEN UND INFORMIEREN

Im August 2019 wurde im Auswärtigen Amt in Berlin die Ausstellung zum Projekt Erinnerung bewahren eröffnet. Der deutsche Außenminister, Heiko Maas, betonte in seiner bewegenden Rede die Bedeutung des Projekts für die Gegenwart und die Notwendigkeit eines aktiven Handelns gegen Antisemitismus.

Der Botschafter der Ukraine in Deutschland, Andrij Melnyk, sprach von der jüdischen Geschichte als einem Bestandteil der ukrainischen Nationalgeschichte. Die Ausstellung soll als Wanderausstellung auch in der Ukraine gezeigt werden.

Impressum

Erinnerung bewahren ist ein Projekt der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Zusammenarbeit mit dem Ukrainischen Zentrum für Holocaust-Studien in Kiew aus Mitteln des Auswärtigen Amtes.

Die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas ist eine bundesunmittelbare Stiftung, die das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen,
das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas sowie den Gedenk- und Informationsort für die Opfer der NS-»Euthanasie«-Morde betreut. Sie hat zudem den gesetzlichen Auftrag, dazu beizutragen, »die Erinnerung an alle Opfer des Nationalsozialismus und ihre Würdigung in geeigneter Weise sicherzustellen«.

Die Stiftung wird institutionell gefördert durch

aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
Texte: Dr. Ulrich Baumann, Dr. Svetlana Burmistr
Redaktion: Uwe Neumärker
Gestaltung: Susanne Benzing
Team des Projektes Erinnerung bewahren: Aleksandra Wróblewska, Dr. Svetlana Burmistr, Bozhena Kozakevych, Mariya Goncharenko-Schubert, Ray Brandon (2016 – 2018)

Zur besseren Lesbarkeit werden Pluralbezeichnungen im Sinne des weiblichen, männlichen und aller weiteren Geschlechter verwandt.

www.erinnerungbewahren.de
www.stiftung-denkmal.de

 

Alle nicht gekennzeichneten Fotos stammen von der Fotografin Anna Voitenko, Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.