Der »Holocaust durch Kugeln« – Historischer Hintergrund

Zahlreiche Massengräber – schätzungsweise über 2.000 Erschießungsstätten befinden sich allein auf dem Gebiet der heutigen Ukraine – sind heute stumme Zeugen des Holocaust. In abgelegenen Schluchten und Wäldern, mitten auf Feldern, in ehemaligen Panzergräben oder Sandgruben wurden ganze jüdische Gemeinden oft innerhalb weniger Tage von Einheiten der Wehrmacht, SS und Polizei unter Beteiligung einheimischer Helfer ausgelöscht. Oft zwang man die Opfer dazu, die Gruben selbst auszuheben und sich zu entkleiden. Meist wurden die Männer zuerst erschossen, dann Frauen und Kinder.

Die ersten Massenerschießungen begannen bereits im Herbst 1939. SS-Mordkommandos im Gefolge der Deutschen Wehrmacht ermordeten im eroberten Polen Zehntausende Zivilisten, unter ihnen auch Juden. Mit dem Angriff auf die Sowjetunion im Sommer 1941 gingen die Mörder dann systematischer vor: Zwei Tage nach Beginn des ›Russlandfeldzuges‹ führten Gestapo- und Polizeieinheiten am 24. Juni 1941 im litauischen Garsden, direkt an der Grenze zu Ostpreußen, die erste Massenerschießung von – nach eigenen Angaben – 200 jüdischen Männern und einer Frau durch. Überall hinter der Ostfront suchten in den folgenden Monaten und Jahren mobile SS-Einsatzgruppen – mit tatkräftiger Unterstützung einheimischer Helfer – unzählige, vor allem ukrainische und weißrussische, Ortschaften heim und erschossen bis 1944/45 insgesamt etwa zwei Millionen jüdische Kinder, Frauen und Männer. Allein im ukrainischen Kamjanez-Podilskyj waren es zwischen dem 26. und dem 28. August 1941 23.600 Juden, in Berdytschiw am 15. September 1941 etwa 12.000 Juden, in der Schlucht von Babyn Jar bei Kiew am 29. und 30. September 1941 über 33.700 Juden. Im weißrussischen Dorf Bronnaja Gora erschossen deutsche Einheiten 1942 an die 50.000 Juden, im russischen Smolensk 2.000. In den früheren polnischen Amtsbezirken Polesien und Wolhynien kamen 1942 über 360.000 als »unnütze Esser« Kugelhagel der SS um, im Lager Majdanek nahe Lublin waren es während der »Aktion Erntefest« am 3. November 1943 um die 18.000 jüdische Häftlinge. In Weißrussland löschten die deutschen Besatzer 1943/44 über 600 Dörfer samt ihrer Bewohner aus. Im Januar 1945 kamen während eines Todesmarsches und einer anschließenden Massenerschießung in Palmnicken (heute im russischen Königsberger Gebiet) mindestens 5.000 polnische und ungarische Jüdinnen zu Tode. Auch Roma, Patienten psychiatrischer Anstalten, Kriegsgefangene oder Widerstandskämpfer wurden zu Zehntausenden Opfer nationalsozialistischer Vernichtungspolitik.

 

Viele dieser Mordstätten sind nach dem Krieg in Vergessenheit geraten. Für die wenigen Überlebenden musste das Gedenken an ihre ermordeten Familienangehörigen, Freunde und Bekannten privat bleiben. Die offizielle sowjetische Geschichtsschreibung benannte keine einzelnen Opfergruppen des Zweiten Weltkrieges. Wenn auf Initiative jüdischer Überlebender und Rückkehrer bescheidene Gedenksteine aufgestellt werden durften, mussten sie »friedlichen sowjetischen Bürgern« gewidmet sein.

Erst in den 1990er Jahren – in den unabhängigen Staaten Ukraine, Belarus und Russland – wurden vielerorts Gedenksteine aufgestellt, die auf die jüdische Abstammung der Opfer hinwiesen. Hunderte Massengräber sind allerdings bis heute unmarkiert, ungeschützt und verwahrlost. Ihre Flächen werden landwirtschaftlich genutzt oder sind überbaut. Spuren von Grabschändungen bieten einen trostlosen Anblick. Die meisten Massengräber sind keine würdigen Orte der Trauer, des Gedenkens, der Erinnerung und der Information über das zerstörte jüdische Leben.

Auf der Karte sind 573 Städte und Dörfer verzeichnet, in denen die Deutschen und lokale Helfer zwischen 1941 und 1944 jeweils 500 oder mehr jüdische Kinder, Frauen und Männer erschossen. Hinzu kommen hunderte weitere Massenerschießungsorte.